Ich sitze auf einer Bank auf einem Spielplatz. Wo? Ich weiß es nicht. Ich weiß nicht einmal, wie ich heiße. Ich bin in einer Wohnung aufgewacht, die mir völlig fremd vorkam. Neben einem Mann, den ich nicht kannte.
Wie alt bin ich eigentlich? Ich sehe mich um und sehe eine Pfütze auf dem gepflasterten Gehweg, der um den Spielplatz herum führt. Ich schaue hinein und bin schockiert – ich bin mindestens vierzig. Vierzig! Das kann doch nicht sein! Ich weiß nicht genau, wie alt ich mich fühle, aber nicht vierzig. Ich kann nicht älter als 25 sein!
Ich bin froh, dass ich mich nicht im Spiegel sehe, sondern nur in einer Pfütze, in der ich nicht zu viele Details erkennen kann. Aber dennoch, ich sehe Falten. Ich sehe Tränensäcke. Mein Haar ist… anders, als ich es erwartet hatte. Aber was hatte ich erwartet? Mir wird klar, dass ich nicht wusste, wie ich aussehe, bevor ich die Reflexion im Wasser sah.

Ich sehe mich um. Ich sehe schaukeln, eine Rutsche und ein Klettergerüst, alles schon ein wenig in die Jahre gekommen. Scheinbar bin ich nicht in einem wohlhabenden Teil der Stadt. Und in welcher Stadt bin ich? Nach hinten blickend sehe ich in etwa 200 Metern Entfernung das Haus, aus dem ich voller Angst geflüchtet bin. Und ich stelle mir die Frage, ob das das erste Mal ist. Ist das vielleicht etwas, das regelmäßig vorkommt? Sitze ich vielleicht jeden Tag hier auf dieser Bank und versuche, zu verstehen, wer ich bin?

Der Spielplatz ist leer. Natürlich, es scheint sehr früh am Morgen zu sein. Es kommt mir dennoch unheimlich vor. Und erst jetzt kommt mir der Gedanke, wie bescheuert ich für jemanden aussehen muss, der mich vielleicht hier sieht. Eine Frau in ihren Vierzigern, barfuß im Pyjama auf einem menschenleeren Spielplatz.
Ich stehe auf und sehe mich weiter um. Etwa fünfzig Meter westlich des Zauns, der die ganze Grünfläche umgibt, entdecke ich einen Spätie. Spätie. Dieses Wort ist besonders. Zumindest kommt es mir so vor. Spätie. Was ist so speziell an diesem Wort? Mit diesem Gedanken im Kopf verlasse ich den Spielplatz und gehe zum Kiosk, der noch geschlossen zu sein scheint. Durch das leicht vergilbte Fenster des Büdchens sehe ich allerlei Süßkram. “Gummibärchen für zwanzig Pfennig bitte!” sagt eine Stimme in mir. Es ist meine Stimme. Eine Erinnerung. Dann beginne ich zu verstehen – wahrscheinlich wohne ich hier schon seit Kindestagen. Und wahrscheinlich nennen wir diesen Kiosk schon seit jeher Spätie, weil er erst so spät öffnet. Und nicht schon morgens, wenn die Menschen schon unterwegs sind und ihre Tageszeitung kaufen wollen.
Tageszeitung! Ich sehe im Fenster eine Art Zeitschrift. “Neue Illustrierte der Frau” ist ihr eigenartig langer Name. Sie muss schon länger im Fenster hängen, denn die Farben sehen nicht mehr wirklich frisch aus. Auf dem Titel ist eine blonde Frau. Doch noch bevor die Schlagzeile in mein Bewusstsein durchdringen kann, sehe ich das Datum. 3.-10. April. 2016.

Mein Atem bleibt mir im Halse stecken. Die Umwelt beginnt, sich zu drehen und ich habe das Gefühl, jeden Moment umzufallen. Mit meiner linken Hand stütze ich mich an der Wand der Hütte ab. Das ist nicht möglich! Es kann nicht sein! Was ist hier nur los? Es kann doch nicht schon 2016 sein! Ich bin mir sicher, absolut felsenfest, dass wir 19.. 19.. 19-was? 1995? 1998? Ich weiß es nicht. Kann ich so viel Zeit verloren haben? Das würde zumindest mein so alt aussehendes Spiegelbild erklären. Habe ich irgendwelche schrecklichen Drogen genommen? Habe ich mein Gedächtnis verloren? Bin ich von Aliens entführt worden? Der letzte Gedanke erscheint mir lächerlich. Das ist gut, denke ich mir. Wenigstens bin ich wohl nicht wahnsinnig geworden, wenn ich so einen Gedanken nicht zulasse.

Was soll ich tun? Ich will nicht zurückgehen.

“Hey, du, hilf mir ma!”

Ich schrecke aus meiner Gedankenversunkenheit hoch und drehe mich in die Richtung, aus der der Satz gekommen ist. Ein kleiner Junge sitzt auf einer der beiden Schaukeln auf dem Spielplatz und versucht, sich mit allerlei fruchtlosen Bewegungen zum schaukeln zu bringen. Als der Junge, er kann nicht älter als sieben Jahre sein, merkt, dass ich ihn ansehe, sagt er: “Hilf mir ma’. Ich will schaukeln!”

Dass diese erwachsene Tante im Pyjama und ohne Schuhwerk ihm nicht komisch vorkommt… Auf dem Weg zu ihm, frage ich ihn, wo denn seine Mama ist. “Weiß nicht,” antwortet er. “Die verschwindet manchmal und da muss ich alleine spielen.”
“Und dein Papa?” frage ich.
Der Junge antwortet, als sei es das normalste auf der Welt: “Der lebt nicht mehr, der hat sich tot gesoffen. Mama sagt, wenn ich nicht aufpasse, passiert mir das auch. Ist bei uns in den Gehen sagt sie.” Er meint Gene und weiß nicht einmal, was er da nachplappert. Eine tolle Mutter. Aber was maße ich mir an? Vielleicht bin ich ja auch nicht besser. Vielleicht liegt ja in dem Haus, aus dem ich gerade gerannt bin, auch ein Kind in seinem Bettchen?
Dieser Gedanke macht mir Angst und ich verdränge ihn.

Bei dem Jungen angekommen, frage ich ihn nach seinem Namen. “Max!” sagt er stolz, als sei das ein besonders toller Name. Und warum auch nicht? Es ist ja auch ein schöner Name. Er guckt mich erwartungsvoll an. Ich denke, weil er wartet, dass ich ihm beim Schaukeln helfe. Aber das ist nicht der Grund. “Und du?”, fragt er mich. “Wie heißt du denn?”

“Ich… ich weiß es nicht”, antworte ich ehrlich. Die Frage hat mich so überrascht – oder vielmehr die Tatsache, dass ich sie nicht beantworten kann – dass ich sie spontan ehrlich beantwortet habe. Er grinst mich an und sagt: “Du bist ja lustig! Na los, komm, schubs mich an!” Und da wird mir klar, dass ich Kinder liebe. Sie haben keine Filter. Sie sagen, was sie denken. Das macht den Umgang mit ihnen so unkompliziert.

Ich gehe um Max herum, bis ich hinter ihm stehe. Dann ziehe ich seine Schaukel zurück und lasse los. Der Junge lacht ausgelassen, als er hin und her schwingt.

Während ich ihm beim Schaukeln zusehe – er holt jetzt selbst so viel Schwung, wie er will – unterhalten wir uns über nichts. Er erzählt mir etwas über irgendwelche Pokemons mit eigenartigen Namen. Er zählt mehr und mehr dieser Namen auf. Ich habe nicht die geringste Ahnung, was das sein soll. Aber das ist auch nicht wichtig. Max scheint einfach nur froh zu sein, dass ihm jemand zuhört. Ich stelle mir seine Mutter als Säuferin oder Junkie vor, die nie Zeit für ihn hat. Die nie mit ihm über Pokemon spricht, weil ihr die Flasche viel wichtiger ist. Und die ihm nie etwas zu essen macht.
“Sag mal Max, hast du Hunger?”, frage ich ihn. Er dreht sich zu mir mit einem breiten Lächeln mitten im Aufschwung zurück und schreit: “Und wie!”
Ohne es zu wissen, gibt er damit auch mir einen Schwung – um zurück in das Haus zu gehen, aus dem ich vor… Einer Stunde? Zehn Minuten? Aus dem ich vor kurzem gerannt kam. Wenn ich nicht allein bin, sondern mit meinem neuen Kumpel Max, fühle ich mich gleich wohler! Also schlage ich ihm vor, ihm was schönes zum Frühstück zu machen.

Max ist begeistert und springt von einer erschreckenden Höhe von der Schaukel ab. Ich springe vor Schreck in seine Richtung, als könnte ich ihn fangen. Aber er landet meisterhaft und sieht mich stolz an. “Na dann los Emma!”
Ich sehe ihn verdutzt an: “Emma?”
“Ja”, sagt er stolz, “ich finde, du siehst aus wie eine Emma!” Das finde ich einfach wunderbar! “Dann heiße ich jetzt Emma!”
Max reicht mir seine Hand und wir gehen zusammen zurück zum Haus.

Es ist ein dunkelgraues Einfamilienhaus. Nicht sehr gepflegt. Überall ist Unkraut. Erleichtert stelle ich fest, dass ich vor dem Haus keine Anzeichen dafür finde, dass hier ein Kind wohnt, das vielleicht drinnen auf mich warten könnte. Keine Spielsachen, kein Fahrrad, nichts dergleichen.
Ich klopfe an, aber es tut sich nichts. Max zeigt auf die Klingel und ich drücke drauf. Das Geräusch der Klingel dringt bis zu uns hervor. Aber es macht uns niemand auf.

“Wohnst du hier?”, fragt mich Max. Und ich entscheide mich weiterhin für die Wahrheit. “Ich weiß es nicht. Ich glaube schon.” Wenn das so ist, dann sollten wir einfach reingehen, meint der Junge. Ich finde er hat Recht. Also drücke ich die Türklinke runter und öffne die Tür. Sie war nicht verschlossen.
Als wir die Wohnung betreten, spüre ich, wie mein Puls in die Höhe schnellt. Es ist nicht Angst. Oder zumindest nicht nur. Ich spüre eine gewisse Aufregung und Besorgnis, aber keine richtige Panik. Und ich habe weiterhin nicht die geringste Ahnung, ob das hier mein Zuhause ist. Ich erkenne nichts.

Max läuft direkt in die Küche. Er muss wirklich großen Hunger haben. Aber mich zieht es zurück ins Schlafzimmer. Da lag dieser Mann neben mir auf dem Bett. Das Haus ist still. Vielleicht schläft er ja noch? Vielleicht ist er ja auch weg? Zur Arbeit vielleicht? Oh Gott, bitte lass ihn weg sein! Aber nein – so viel Glück konnte ich ja nicht haben. Als ich die Tür einen Spalt weit öffne, sehe ich seine Form auf dem Bett liegen.
Meine Aufregung steigt, aber ich weiß, dass ich jetzt stark sein muss. Ich bin kein kleines Mädchen mehr. Ich bin, verdammte Scheiße, ich fasse es immer noch nicht, eine mindestens vierzig Jahre alte Frau. Und, so beschließe ich, vierzigjährige Frauen haben keine Angst vor Männern. Nicht mal vor welchen, die in ihrem Bett liegen. Wenn das natürlich mein Bett ist. Was ich nicht wissen kann.

Ich öffne die Tür und betrete das Schlafzimmer. Der Mann schläft. Ein höfliches Hüsteln meinerseits kann daran auch nichts ändern. Ich komme ihm näher und sehe, dass er kein Weißer ist. Er ist… Moment, was ist denn mit seiner Haut? Das ist keine andere Hautfarbe, das ist irgendeine Verfärbung! Was ist denn mit ihm?
Ich gehe an der Unterseite des Bettes entlang und traue mich nicht, näher an ihn heranzutreten. Bei allem Mut – aber das ist ja mal echt eine komische Hautfarbe! Er liegt auf der Seite und erst jetzt, wo ich vollständig um das Bett herum gegangen bin, sehe ich sein Gesicht. Es ist ganz blau. Das sieht ja total widerlich aus! Ich habe mit diesem Typ wahrscheinlich geschlafen! Ich will mich etwas lauter Räuspern, um ihn zu wecken, als ich auf dem Nachttisch neben seiner Bettseite einen Notizblock und einen Kugelschreiber sehe. Mich fest an die Wand gepresst, schreite ich langsam in Richtung des Nachttischs und greife nach dem Papier. Der Mann schläft weiter.
Auf der ersten Seite des Notizblocks lese ich:
“Es tut mir leid. Ich halte es einfach nicht mehr aus… Es hört nicht auf. Sie wacht jeden Tag auf und erkennt mich nicht. Steffi war die Liebe meines Lebens. Aber ich schaffe es einfach nicht ein einziges Mal mehr, die Angst in ihren Augen zu sehen, wenn sie aufwacht und wieder nicht weiß wer ich bin oder wer sie ist. Ich hoffe, dass wir im Himmel zusammen sein können. Aber selbst, wenn ich zur Hölle muss, kann das nicht schlimmer sein, als dieses Dasein. Verzieht mir. Daniel.”

Ich verstehe nichts. Ich fühle mich so leicht, als ob ich jeden Moment abheben könnte. Das ist ein Abschiedsbrief! Deswegen ist er so blau! Er ist tot! Dieser Mann ist tot! Und ich, ich muss diese Steffi sein! Ich bin schuld!

Wie aus hundert Kilometern Entfernung höre ich dumpf, wie in der Küche ein Glas oder ein Teller zu Boden fällt und zerbricht. Max. Max! Er darf das nicht sehen! Ich renne zu ihm in die Küche, aber meine Füße wollen mich nicht tragen und ich komme kaum voran. Er darf nicht diesen Mann tot sehen! Ich quäle mich aus dem Zimmer und schließe hinter mir die Tür.
Ich stehe wieder in der Diele. Gut. Die Tür ist zu. Max ist immer noch in der Küche. Ich will seinen Namen rufen. Aber irgendwie will das nicht klappen. Mein Mund geht auf, aber es kommt kein Ton heraus. Was geht hier nur vor? Langsam, ganz langsam bewege ich mich in Richtung Küche. Ich falle. Aber es tut nicht weh. Ich lande auf allen Vieren und bewege mich weiter. Als ich die Schwelle zur Küche erreiche, sehe ich das nächste Bild, das ich einfach nicht verstehen kann. Nicht verstehen will. Neben der zerbrochenen Schüssel liegt Max reglos auf dem Boden. Das ist nicht lustig, will ich sagen. Aber es kommt kein Ton aus mir raus. Und erst jetzt, wo ich selbst ein letztes Mal zu Boden sinke, rieche ich es. Das Gas.